Tag 20 – Nordkapp > Skaidi

Nach einer sehr kurzen Nacht – bis etwa 01:00 Uhr notierte ich noch die wichtigsten Gedanken des Tages und um 04:45 Uhr klingelte schon wieder der Wecker – ballerten wir runter nach Honningsvåg. Denn die Fähre war mit nur 15 Minuten Aufenthalt angegeben und würde sicher nicht warten.

Exkurs Fähre: eigentlich dürfte man dieses Transportmittel nicht einfach Fähre nennen. Denn es war ein Hurtigruten-Schiff, was man an Bord auch merkte. Aber ein Joke, der sich im Laufe unserer Reiser entwickelt hatte, war die Legende des „Hüttiboots“. Sie entstand nach einem Gespräch mit einem Norweger, der uns allerhand Tricks verriet, wie wir nicht so viel strampeln müssten und dergleichen. Einer war, alle Orte mit einem dieser „Hüttiboote“ (die Schreibweise entspricht seiner Aussprache) anzufahren. Und weil sich das Hüttiboot zu einer Art sprachlicher Universal-Drohung für allerlei Situationen entwickelte – ein wahrer Lach-Garant – bestand ich darauf, doch eines Tages ein solches Hütteboot zu nutzen. Vermutlich, weil Robert entnervt war und wir unbedingt diesen sinnlosen Nordkapp-Tunnel auf der Rückfahrt vermeiden wollten, planten wir diese schließlich wunderschöne Alternative entlang der westlichen Küste inklusive Hüttiboot aus. Geplant, getan.

Diese zweistündige Überfahrt transportierte uns etwa 50 km von Honningsvåg nach Westen in die Ortschaft Havøysund. Die Fahrt war sehr entspannt, wir dösten einfach vor uns hin.

Dort angekommen packten wir uns nochmal ordentlich Koffein in die Adern. Nach der kurzen Nacht hatten wir ernsthafte Probleme, überhaupt unsere somatische Maschinerie in Gang zu setzen. Vermutlich war es aber auch das Ziel, das sich geändert hatte. Motivationspsychologisch ist das Nordkapp natürlich ein Pfund. Die Rückfahrt mit Gegenwind und einer miesen Wetterprognose entsprechend weniger, daher wäre ein Durchhänger auch verständlich.

An Bord lernten wir noch zwei Stuttgarter und einen Schweizer kennen. Die Stuttgarter waren sehr pessimistisch eingestellt mit der Wetterprognose, die von vielen Regenschauern ausging. Wir zuckten mit der Schulter, denn hier hatten wir nun wirklich keine Beeinflussungsmöglichkeit. Kopf runter und durch war alternativlos. Was uns dann aber fortwährend anstachelte und motivierend auflud, war das erlebte Aufklaren des Himmels, die Sonne im Gesicht und den teilweise aufkommenden Rückenwind.

Wir kamen aus dem Feiern trotz noch mangelhafter Energielage kaum heraus und freuten uns über dieses Geschenk, das ab etwa der halben Tagesstrecke einsetzte.

Entlang der Küste durften wir noch unzählige beeindruckende Schicht-Gesteinsformationen bewundern.

Ganze postkartentaugliche Küstenperspektiven waren die Regel und sicherlich alle 15 Minuten zu bewundern.

Ein Adler, der uns streckenweise begleitete, beeindruckte uns ebenfalls sehr. Ein gigantisches Tier, perfekt an seine Umgebung angepasst und wahrlich der König der Lüfte.

Und schließlich noch eine mindestens 200 Tiere starke Rentiergruppe. Der Tag reihte sich definitiv in die Reihe „Und es wird noch besser…“ ein.

Als wir wieder an dem Punkt vorbeikamen, der uns unter anderen auf dem Hinweg diese Route mittels Werbeanzeige „nahegelegt“ hatte, mussten wir der Aussage nochmals aktiv zustimmen und das bildlich festhalten.

Ein kurzer Aufenthalt in Olderfjord mit frischen Backwaren und Filterkaffee brachte die Kraft wieder zurück. Und als wir dann nach Südwesten Richtung Skaidi abbogen mit Wind aus Nordosten, war der Tag perfekt. Mit über 30 km/h cruisten wir dahin und waren ziemlich schnell am anvisierten Ziel.

Im Skaidikroa, dem Restaurant, das uns bereits auf der Hinfahrt mit Kalorien versorgt hatte, ließen wir uns auch dieses Mal nieder. Todd, der operative Chef des Lokals, erinnerte sich an uns und gesellte sich für einige sehr interessante Gespräche zu uns. Ein charismatischer Kerl, der nicht allein durch seine Sprachkompetenz (akademischer Linguist mit ca. 10 aktiv beherrschten Sprachen) beeindruckt.

Gut gestärkt und dennoch bleiern-müde machten wir uns gegen 20:00 Uhr auf den Weg zum fünf Kilometer entfernten Campingplatz, um dort unser Nachtlager aufzuschlagen.