Tag 17 – Sørkjosen > Alta

Tag 17 könnte für Kontrastprogramm stehen. Es begann schon mit der Wetterprognose, die mehr als Regen, Schauer, Niederschlag und Feuchtigkeit leider nicht zu bieten hatte. Daher gingen wir davon aus, dass der Weg nach Alta ein nasser sein würde. Bedingt durch die Grau-in-Grau-Erwartung rechneten wir mit sehr wenigen Foto-Halten und daher mit einem wirklich kurzen Blog. Aber wie das so ist in Norwegen – things change permanently.

Mit Gegenwind aber noch trocken ging es bei etwa 9°C los. Wir hofften auf das Coming-Out der Sonne. Nein, nicht dass die Sonne eine Vorliebe für andere Sonnen hätte. Wir hofften viel mehr, dass sie uns deutlich machen würde, dass sie uns zum Nordkapp hin begleiten wollte, da an einigen Stellen der Himmel Andeutungen von Aufreißen machte.

Daher war leichte Bekleidung die Wahl. Doch schon nach wenigen Kilometern lag uns eine gischt-ähnliche Luft im Gesicht, sodass Brille und die gesamte Vorderseite binnen Sekunden feucht waren. Also schnell rein in die Regenmontur und weiter. Keine zwei Minuten später kam der Regen horizontal und wir waren im Tageshauptprogramm angekommen.

Im sauberen Kraulstil arbeiteten wir uns gegen garstigen Wind unseren ursprünglichen zwei Haupt-Herausforderungen des Tages entgegen. Zwei Kletterpassagen über jeweils mehrere Kilometer, einmal 450 Höhenmeter und einmal gute 270. Ich fing schon an zu zweifeln, da ich am Morgen noch lautstark behauptet hatte, dass uns der Wind beim Klettern günstig unter die Arme greifen würde (also Rückenwind). Doch nichts geschah. Wind stand konstant auf zwölf Uhr.

Doch dann, aus „heiterem Himmel“, hörte es auf einmal auf zu regnen und der erste Berg war direkt vor uns. Und – oha – der Wind kam auf einmal von hinten. Also raus aus dem Pool und rein in den Anstieg. Obwohl Robert ja eine absolute Advanced-Special-Ultralight-Funktionsausrüstung einsetzt (und daher offenbar auch viel zu schnell wieder trocken war…), wollte er es langsamer angehen und auf diesem ersten Kletterabschnitt nicht wieder schweißgebadet oben ankommen. Da die tiefe Wolkendecke das obere Drittel unserer Etappe einnebelte, war klar, dass es da oben kühl sein würde.

Der Wind war ebenfalls ernst zu nehmen da oben, daher sind Abfahrten nach anstrengenden Kletterpassagen tatsächlich unangenehm, weil saukalt. Also fetzte ich los und war schon bald in den Wolken verschwunden.

Die Straße, die inzwischen sehr ruhige „alte“ E6, war auf einmal Teil einer gespenstischen Szenerie. Absolut still und mit dem Rückenwind auch kein Fahrtwind wahrnehmbar, genoss ich diese absolute Ruhe. Sowohl akustisch, als auch insgesamt wahrmehmungsphysiologisch. Völlig stressfrei und im Flow ging es dem Passübergang entgegen. Patschnass, versteht sich, denn weder schonte ich mich, noch war ich irgendwie auch nur angetrocknet. Auf einmal fühlte ich mich beobachtet und hielt daher an. Bei genauerem Hinsehen entdeckte ich jede Menge Wild um mich herum, das sich da einfach im sicheren Nebel im weichen Untergrund kuschelig versteckte.

Rentiere, wohin das Auge blickte. Ich versuchte mich in einem sachten Röhren, was sofort die Aufmerksamkeit aller auf mich lenkte. Und offenbar war ich aufgrund meines Dialekts aufgeflogen. Jedenfalls rappelten sich alle auf und bewegten sich von der Straße weg. Dennoch ein Traum, so etwas zu sehen. Schnell packte ich mein Rad wieder unter mich und verschwand in der weißen Wand.

Dann kam die Abfahrt. Und die hatte es in sich. Einfach saumäßig kalt. Zwar immerhin 7°C, aber mit dem Windchill und verstärkt durch die Verdunstungskälte waren das empfundene Minusgrade über mehrere Kilometer ohne aktive Arbeit am Pedal bei guten 50 km/h. Robert war inzwischen auch aufgeschlossen und wir preschten ins Tal, um die nächste Kletterpassage zu erreichen. Noch gut nass steigen wir ein und packten ein gutes Tempo auf den Asphalt. An einer Baustelle überholten wir sogar die wartenden Autos bergauf (na ja, wir mussten dazu die rote Ampel missachten) und landeten wieder in der Wolke.

Doch dieses Mal kam eine weitere Überraschung. Der Himmel um uns herum brach auf und wir hatten plötzlich eine freie klare Sicht auf den Fjord unter uns. Schneller als man schauen konnte lehnten die Räder an den Leitplanken und wir posierten wie einst bei Karl Lagerfeld. Wir waren uns einig: alle ertragenen Wetter-Unbilden des Morgens waren überentschädigt und wir nur glücklich. Jauchzend gings abwärts, die Kälte war uns inzwischen egal.

Doch es ging weiter. Der folgende 50-km-Abschnitt war wenig spektakulär in Sachen Höhenmeter. Wohl aber die malerische Fahrt entlang des Südufers vom Altaer Fjord. Entgegen der Windvorhersage wehte er nicht aus Ost (also von vorn), sondern aus West (also von hinten). Das bedeutete Ballern! Gesagt, getan.

Und wir kamen noch an einem besonderen Ort am Sørstraumen vorbei, an dem die Gezeitenströme aufgrund der orohydrografischen Gegebenheiten außerordentlich stark sichtbar sind.

Zwischendurch hatten wir ein paar experimentelle Umkehrmanöver, etwa durch eine vom Erdrutsch zerstörte Straße, ein „Radler-müssen-draußen-bleiben-Schild“ am Tunnel und dergleichen. „Nicht nerven lassen“ dachten wir und setzten uns erstmal an einen Picknick-Tisch in die Sonne und vesperten. Es gab Brot mit Käse, Wurst und Kaviarcreme. Lecker. Vermutlich auch im nicht ausgepowerten Zustand…

So machen „tunnelen“ fast Spaß.

Es folgten noch einige Tunnelfahrten, die uns auf verschiedene Weise auf unsere Prüfung im gefürchteten Nordkapp-Tunnel vorbereiteten. Robert machte nach jedem Tunnel drei Kreuze (ist er jetzt katholisch oder nicht?), denn diese Durchfahrten sind extrem laut, kalt und stressig. Der erste zeigte noch, wie Tunnelfahren heute eigentlich sein kann. Die anderen weniger…

Die Kilometerangaben auf den Schildern nahmen beständig ab. Und schließlich waren wir da: am Ortsschild Altas. Wir mussten für das Bild die Räder auf die andere Straßenseite schleppen. Und die Autofahrer müssen uns für entlaufene Wahnsinnige gehalten haben ob der Freudengesten und Bilder, die wir dort ablieferten.

Wir durchquerten die Stadt erstmal und suchten unsere Bleibe auf, um dort zu waschen und dann auch schnell in ein gutes Restaurant zu gehen. Wir fanden den Italiener „Alattio“, wo wir ausgezeichnet empfangen wurden. 100% italienische Küche inkl. des gesamten Koch-Teams. Die Besatzung dieser Stätte wies 13 Nationen auf. Sogar ein Deutscher ist dabei, der Michael. Absolut lustiger und gleichzeitig professioneller Haufen. Und das Essen… vom Feinsten.

Zum Glück haben wir noch mindestens zwei weitere Tage. Nach Aufnahme von etwa einer Megakalorie brachen wir auf, um noch schnell Lebensmittel fürs Wochenende und die finalen Etappen zu besorgen und uns mindestens acht Stunden Erholung zu gönnen.

Dieser Tag war fordernd. Sowohl, weil wir die ganze Bandbreite der norwegischen Natur (all incl.) abbekommen hatten, als auch aufgrund der tollen Eindrücke mit Rentieren aus nächster Nähe. Tunnelfahren ist aufzehrend, auch das spüren wir heute kurz vor dem Zubettgehen. Das gesagt – Augen zu!