Tag 18 – Alta > Repvåg

Entspannter kann ein Tag nicht beginnen: Ausschlafen bis 07:15 Uhr!!! Dann ein gemütliches Frühstück mit einer irrsinnigen Auswahl an hochwertigen und gesunden Sachen. Damit zeigte sich, dass es sich lohnt, die Kilometer herauszufahren, wenn die Power da ist. Denn wir hatten uns einen derart angenehmen Puffer herausgefahren, dass wir nun richtig Zeit hatten, den finalen „Gipfelangriff“ aufs Nordkapp eben gemütlich anzugehen.

Also starteten wir um 10:00 Uhr. Mit guter Wetterprognose, aber ungünstigen Windverhältnissen (was ist schon ungünstig – solange es trocken ist, kann man alles ertragen, ja sogar gut finden).

Nach 18 km Einradeln ging auch schon die erste Kletterei los. Gemütlich, über etwa 20 km kamen 600 Höhenmeter zusammen. Dazu entgegen der Prognose noch etwas Rückenwind – was will man mehr. Einige Male mussten wir lachen und es wertschätzen, welch Glückspilze wir sind. Das ist nicht selbstverständlich so kurz vor dem Kapp.

Dann folgte eine 40 km lange „Abfahrt“. Abfahrt deshalb, weil wir auf der Strecke konstant zehn Höhenmeter pro Kilometer verloren. Nicht viel, aber es half etwas, denn der Wind kam natürlich von vorn. Dieser Abschnitt führte uns über eine Art Hochebene, in der wir die Trostlosigkeit des norwegischen Nordens etwas zu spüren bekamen. Kilometer schnurgerade durch das Land….

Vielleicht lag es auch am fehlenden Meeresblick, denn wir querten durch das Landesinnere. Jedenfalls kam es uns stellenweise wie eine Steppe oder Tundra vor, kilometerweise einfach keine Abwechslung, keine Hütten, keine Menschenseele. Was uns dennoch wunderte, waren die Schübe von Campern, die da gen oder vom Norden rollten. Sonntag scheint auch hier der Tag zu sein, wo man mal einen Ausflug unternimmt. Gerne auch mal spontan zum Nordkapp.

Auffällig waren die vielen kaputten Birken, die trotz vereinzelter Hütten ein trostloses Bild abgeben. Dafür ist eine Schmetterlingslarve namens Løvmark verantwortlich, die durch den Klimawandel bedingt die Gegend Sennalandet erobert hat. Diese Tiere fressen mit ihren Larven die Birken kahl. Allzu oft verträgt das eine Birke nicht. Da die erforderlichen Kälteperioden, die nötig wären, um die Larven loszuwerden, immer seltener werden, sind diese Bäume ernsthaft bedroht. (Laut international anerkanntem Raupenexperten Robert Schwarz, 2021.)

Dazwischen fanden sich dann aber immer wieder große wilde Blaubeerfelder, in denen gelegentlich auch Frauen knieten, die sie kräftig einsammelten. Nicht umsonst ist Norwegen als Blaubeernation bekannt. Blaubeermarmelade schmeckt hier einfach jämmerlich gut!!! (Zum Reinsetzen.)

Eine irrsinnig coole Erfahrung war heute, dass man den Wetterunbilden entkommen kann. Als sich nämlich eine Regenfront von links näherte bei ebenfalls starkem linksseitigem Wind, entschlossen wir uns, in die Pedale zu treten, was das Zeug hielt, anstatt unsere Regenkleidung anzulegen. So fuhren wir knapp vor der Front her und entkamen ihr dann sogar mit nur wenigen Regentropfen in der Kleidung. Die Feuchtigkeit kam dann allerdings von innen, denn Schweiß produzierte die Hatz dann doch.

Im Dörfchen Skaidi machten wir dann Halt, um etwas Kalorien zu tanken. Bei einem kleinen Burger schmiedeten wir Pläne für den finalen Gipfelangriff am Folgetag. Dann nochmal den Reifendruck aktualisiert und in die zweite Kletterei. Auch diese kamen wir trockenen Stoffes auf der anderen Seite an.

Dort wartete allerdings ein kleines Unwetter auf uns, dem wir ebenfalls geschickt entkamen: untergestellt an einer Hütte und derweil fleißig Kaffee kochend. Die Aeropress ist einfach eine Wucht. Und unser Kaffee erst – fruchtig und aufweckend, ein echtes Fremdstartkabel!

Danach wollten wir noch etwa 30 km fahren und dann einen Nachtlagerplatz aufsuchen. Leider erwischten uns dann ein paar kleine Schauer, die besonders mich dann doch etwas durchnässten. Das war aber weniger schlimm, denn es lief trotz Gegenwind so gut, dass wir einfach weiterradelten. So wurden die Klamotten langsam auch wieder trocken.

Die Tunnel, die wir währenddessen befuhren, sorgten für etwas Abwechslung. Besonders durch die Wetten, die wir abschlossen. (Z.B. „Wetten, dass uns in diesem 3,5 km langen Tunnel kein Auto begegnet?“ Riskante Wette, die ich auch verlor.)

Mitten im Nirgendwo tauchte dann ein großes Plakat an der Felswand auf, dass von Lunch, Camping und Hotel in acht Kilometern Entfernung erzählte. Das wollten wir sehen und so radelten wir nochmals einiges an Strecke drauf.

Immer wieder begegneten wir Rentieren, die die Ruhe im hohen Norden sichtlich genossen. Sie integrierten die Straße trotz der hin und wieder hindurchrauschenden Kolonnen wie selbstverständlich in ihre Reviere.

Auch nahmen sie immer wieder am Straßenverkehr teil, allerdings in sehr eigentümlicher Weise. Jedenfalls beeindruckten uns diese Tiere sehr. Meist hielten wir an und schauten ihnen einige Minuten lang zu.

Als es dann „rechts ab“ hieß in Richtung Campingplatz, taten wir genau dies. Wir wollten sehen, wie so ein Ort im Nirgendwo an der langen Küste Norwegens aussieht. Als wir dann sahen, dass bis 23:00 Uhr die Rezeption offen ist, gingen wir hinein und sprachen direkt mit dem Besitzer des Platzes.

Als der uns seine urigen Hütten zeigte, waren wir total begeistert und entschlossen uns, eben nicht das Zelt aufzuschlagen, sondern eine solche Hütte direkt zu nehmen. Sehr einfach, aber dennoch mit einer gewissen Gemütlichkeit versehen, breiteten wir uns in ihr aus, aßen ein uriges Vesper aus unserer Bordverpflegung und hörten dazu noch Rockmusik. Perfetto!

Als wir dann sahen, wie wenig Reststrecke noch bis zum Kapp übriggeblieben war, klatschten wir in die Hände und freuten uns auf einen noch entspannteren Tag zum Ziel. Bei der Gelegenheit planten wir gleich ergänzende Alternativrouten für die Rückfahrt ein. Gehts noch besser? Heute kaum. 🙂

Ach ja, doch. Duschen! Die gabs nämlich dort auch. Und nach einem Jahr Auszeit durch Corona waren wir mit die Ersten, die die neuen Anlagen nutzen durften. Aber das geht dann wirklich kaum noch besser!